Herr, ich glaube – hilf meinem Unglauben!

Liebe Leserin, lieber Leser, ich weiß, das stand hier auch in der letzten Ausgabe unseres Blattes, aber dies ist kein Versehen! Wer hätte gedacht, dass unser Glaube auf solche Weise auf die Probe gestellt werden würde? Und mit Glaube meine ich nicht Frömmigkeit, ich meine unsere ganze humanitäre Gesinnung, Lebenshaltung, unsere Bereitschaft, uns dem zu stellen, was uns aufgetragen ist.

Für eine Kultur, die propagiert, dass man etwas nur genug wollen muss, dann kriegt man es auch, ist Corona ein Schlag ins Gesicht. Für Menschen, die die Abgesichertheit, die wir erleben, fast immer selbstverständlich finden und weit mehr als das für sich wollen, ist diese Zeit eine echte Infragestellung. Für jede und jeden Einzelnen, die wir so frei zu sein gewohnt sind, wie es selten in der Menschheitsgeschichte Menschen waren, wird die Notwendigkeit von Einschränkungen zur Nagelprobe für den eigenen Charakter. Wir waren verwöhnt, jetzt werden wir geprüft.

Das Wort „Freiheit“ hat gute Chancen, in diesem Jahr das Unwort des Jahres zu werden, weil zu viele Menschen es derzeit missbrauchen für sich. Der christliche Freiheitsbegriff aber gestattet sich keine Übergriffigkeit. Er fängt in uns selber an: Zuallererst werden wir durch Gott frei von dem, was wir wie besessen wollen müssen, frei davon, anderen ihr Recht zu beschneiden, um zu kriegen, was uns nach eigenem Denken zustehen müsste. Und frei davon, durch unseren Dickkopf schuldig zu werden…

Das eigene Recht und die eigene Freiheit sollten für uns immer in der Balance mit den Rechten und Freiheiten der Menschen um uns her stehen. Und sie stehen in Zusammenhang mit der Verantwortung, die uns aufgetragen ist für unsere Mitmenschen.

Glauben ist in diesem Jahr für mich in der Praxis ganz oft, souverän auf das zu verzichten, was uns eigentlich unverzichtbar ist, und frei zu sein für das Neue, das uns dann zufließt.

Unser Titelbild zeigt die Szene jeden Sontagmorgen und jeden Läuteabend in den letzten Monaten, bis wir zu Pfingsten wieder Gottesdienst halten durften.

Leere war da. Sie alle, liebe Leserin, lieber Leser fehlten mir schmerzlich! Das war manchmal schwer auszuhalten, aber es war auch gesegnet und ertragreich. Spürbar wie nie war nämlich: Unsere Kirche ist dazu da, unsere Begegnung mit Gott und miteinander zu beheimaten. Das ist das eigentlich Heilige an diesem Ort, und ohne das vermag sie nichts darzustellen. Kirche existiert nur, wo sie aus lebendigen Steinen gebaut ist, aus Ihnen, aus uns, aus unserem Glauben und Zweifeln, Bitten und Beten, unserer Beziehung zu Gott und Jesus Christus.

Ich habe hier  alle Lesetexte der Sonntage für uns gelesen, laut, damit der Raum erklang von gutem Wort, und ich staunte über ihre Kraft und ihren Trost. Ich sah Sie vor mir, wo Sie immer sitzen –oder sitzen könnten.

Ich habe jeden Tag Fürbitte für Sie alle gehalten, Sie -allein zuhause,

Sie -eingegrenzt in den Seniorenresidenzen, Sie -bedrängt durch wirtschaftliche Sorge, Sie -bedroht und angegriffen von Krankheit, Sie -zermürbt von den Unmöglichkeiten dieser Zeit …

All das Schwere war hier täglich vor Gott, aber das Gebet lebte aus dem „gewussten“ Miteinander, und so war es trotz aller Schwere schön, so zu beten!

Wir sind und bleiben frei dazu, mit einander in Verbindung zu bleiben und Gemeinschaft zu halten, auch über auferlegte Distanzen hinweg, und frei dazu, einander wiederzufinden nach der verordneten Pause, so, wie wir es mochten. Da knüpfen wir an jetzt. Wir freuen uns auf Sie!

Bleiben Sie alle gesegnet und bewahrt!

Ihr Ch. Sassenhagen