Verstockung

Verstockung – ein altmodisches Wort, ungebräuchlich inzwischen – aber nützlich – ein Wort aus der Bibel, das einen verhängnisvollen kollektiven menschlichen Zustand beschreibt

Liebe Leserin, lieber Leser,

„verstockt“ steht die kleine Lisa im Türrah-men, die Fäuste tief in den Hosentaschen. Sie hat Mist gebaut und Schimpfe gekriegt. Aber sie sieht das nicht ein. Während die Mutter sich beruhigt hat und nun erklärt, was falsch gelaufen ist und warum sie eben so zornig war, will Lisa nichts davon hören. Sie macht zu, voller Trotz, das Gesicht hart und voller „Pah!“ „Nööö!“ „Bäh!“ … innerlich die Zunge rausgestreckt. Sie von da abzuholen wird noch eine Menge Arbeit sein.

Die Bibel beschreibt regelmäßig, wie auch das Gottesvolk diese Haltung eingenommen hat. Gott hat seinen Menschen die Hand gereicht, und sie haben schnell mal hochgerechnet, wie viel sich da rausschlagen lässt: Ein Leben in Saus und Braus, das beste Stück Erde für sie allein, warum nicht die Weltherrschaft?! Auserwählte dürfen das! … und geben sich nie zufrieden.

Wenn aber doch nun mal das Ende der Fahnenstange erreicht ist? Wenn Gott, weise, die überbordenden Träume und Forderungen nicht mittragen kann, ein weises „Nein“ sagen muss? Seinen Menschen den Platz anweisen muss, den sie selber nicht mehr kennen?

Dann machen offensichtlich wir erwachsenen Menschen nichts anders als die kleine Lisa. Wir machen zu, wir empören uns darüber, dass uns jemand die Wahrheit sagt, wir klagen Gott an, das Leben, die Politikerinnen und Politiker die sich – endlich – ehrlich machen und uns nichts mehr von Bäumen vorschwadronieren, die in den Himmel wachsen.
Das schnöde Handwerk der Politik nervt uns, wir verlangen gefällige Alternativen, einfache Lösungen, die uns nichts abverlangen, wir verlangen, in unserm Trotz und Frust verstanden zu werden. Wir wollen, dass die Anderen was machen und dass wir unbehelligt bleiben von allem. Plötzlich zählen nicht mehr Wissen und Erklärung sondern Befindlichkeit und Gefühltes. Das Herz öffnet Tür und Tor für Einflüsterungen, die nicht wahr sind aber bequem, die uns nicht weiterhelfen aber beruhigen, die nicht ehrlich sind aber uns schmeicheln.

Diese Unerreichbarkeit für die Wahrheit, für Nüchternheit und Redlichkeit, für die Notwendigkeit umzudenken und in die Pflicht zu gehen und unsere Hausaufgaben zu machen, genau die nennt die Bibel Verstockung.

Und selbst Gott steht diesem Zustand hilflos gegenüber. Er kann nichts weiter tun als stillhalten. Schweigen. Sich zurückziehen von den Menschen, bis der Bann gebrochen ist, bis sie die bittere Lektion gelernt haben und kleinlaut in die Wirklichkeit zurückkehren. Die Älteren unter uns erinnern sich noch, wie sich das anfühlt.
Aber wollen und müssen wir diesen Weg gehen?

Wir können auch den anderen wählen.

Ich wünsche allen, die den Mut haben und die Bereitschaft, sich für ihn einzusetzen und ihn auch persönlich zu gehen, Kraft und Ausdauer dazu. Der Segen von Gott wird sie dabei finden.

Ich wünsche Segen auch allen, die sich herausarbeiten aus Verbitterung und Trotz, allen, die sich zu lösen wagen aus dem fatalen Bann, der sie gebunden hatte, allen, die neu hinschauen und den Ruf hören, der gehört sein will.

Schließlich wünsche ich natürlich allen, die es betrifft, dass sie unter den Segen und die gütige Wahrhaftigkeit Gottes zurückfinden, denn nur da ist Leben, das diesen Namen verdient.

Ich grüße Sie und Euch herzlich!
Christoph Sassenhagen