Die letzte Bäckerandacht
vom Freitag, 29. Mai 2020

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. 
1. Mose 8,22

Liebe Leserin, lieber Leser,
über alle Ausgaben der Bäckerandacht hin hat uns die Regenbogenkerze begleitet. Hübsch bunt, ja, doch auch von tieferer Bedeutung.

Zu dem, was wir in den letzten Wochen erlebt haben, passte von Anfang an die Geschichte von Noah und der Arche.

Sie ist ja keine erbauliche Kindergeschichte, auch wenn wir sie in jeder Kinderbibel finden und immer auch in unseren Kindergottesdiensten behandeln.

Hübsch daran ist, dass man all die vielen Tiere dieser Erde vorgeführt bekommt, Paar um Paar, wie sie einziehen in den mächtigen schwimmfähigen Kasten, den Noah auf Gottes Befehl hin mit seinen Söhnen Sem, Ham und Jafet gebaut hatte, Giraffen, Löwen Nilpferde, Hühner, Füchse, Schnecken, kunterbunt …

Hübsch auch, sich die Musik der vielfältigen Stimmen in der Arche vorzustellen, und wie mittendrin die Menschen einen Traum erfüllt bekommen, den Kinder fast immer haben, nämlich den Tieren ganz nahe zu sein, sie streicheln zu können in einer Vertrautheit, wie es sie eigentlich nur zu Kuscheltieren geben kann …

Eigentlich aber hat diese Geschichte ein bedrängendes Szenario, dem nicht unähnlich, was wir derzeit auf der Erde erleben: Rund um die Arche tobt eine Flut von ungeheuren Ausmaßen. Selbst die Berge gehen in ihr unter, und Millionen von Geschöpfen aller Art, nicht zuletzt alle Menschen, gehen darin zugrunde.

Gott hatte die Erde satt mit all ihren Gräueln, behauptet die Bibel, er hatte die Menschheit satt in dieser Geschichte und löst sich von seiner Liebe zu den Menschen, und so bleibt dann eben nichts mehr übrig. Nur Noah, sagt die Bibel, fand Gnade vor Gottes Augen, und so warnt er ihn rechtzeitig, gibt ihm einen Masterplan zur Rettung aller Gattungen durch je ein Paar, für Noah darf es sogar die ganze Familie sein.

Verstehen sie mich bitte nicht falsch!
Ich will Ihnen nicht nahelegen, die Corona-Epidemie als zweite Sintflut zu begreifen und als Ausdruck von Gottes Zorn. Ich will uns auch nicht, als die in der Arche verstehen und die Menschen in Italien Spanien, England, den USA, nun wohl Indien, als die draußen in der Flut.

Die Not in diesen Ländern kann uns aber sehr wohl zeigen, wie ernst die Bedrohung ist, und wie glimpflich wir bisher davon kommen.

Dennoch, auch das, was wir uns als Gesellschaft auferlegt haben, ist nicht ohne Not. Viele unter uns halten die Isolation nur schwer aus oder gar nicht. Viele ertragen nicht die Untätigkeit, den finanziellen Schaden und die Angst um ihre wirtschaftliche Existenz. Mancher fällt auch dieser Not mit seinem Leben zum Opfer, und ich beweine das – buchstäblich.

Die Noahgeschichte deutet diese Not an: Sie beschreibt, wie es unerträglich eng wird, wie alle es nicht mehr aushalten. Noah entsendet, als der Regen aufgehört hat,  nach weiteren hundertfünfzig Tagen, einen Vogel, der trockenes Land finden soll, doch der kommt unverrichteter Dinge wieder. – Grausame Enttäuschung. Woche um Woche wiederholt er das, bis eine Taube einen Zweig mitbringt in ihrem Schnabel. Er wartet noch eine Woche, der Vogel, den er dann aussendet, kommt nicht wieder, und nun ist es Zeit auszuziehen aus der Arche. Endlich!

Alles in allem war das also deutlich über ein halbes Jahr. Nur mal zum Vergleich.

Die Menschen der Bibel kannten diese Erfahrung von Ohnmacht, von Eingesperrtsein in unveränderbaren Umständen, aber ihre Botschaft an uns in dieser Geschichte ist: Es braucht seine Zeit, aber es hört irgendwann auf. Wir brauchen aber den langen Atem derer, die im Warten nicht Stillstand erleben, sondern glauben, dass unbemerkt etwas vorgeht und das Leben bereits dabei ist, uns wieder zuzuwachsen. Bis der Vogel mit dem Zweig im Schnabel zurückkommt.

Doch auch dies ist noch nicht alles, was uns unsere Vorfahren mit der Noahgeschichte sagen wollten.

Die Geschichte endet mit dem Regenbogen und mit Gottes Schwur, nie wieder im Zorn alles Leben zu vernichten.

Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht sollen nie mehr – bis zum endgültigen Ende der Zeit – ausgesetzt werden. Auf diese Machtoption verzichtet der Allmächtige für immer.

Im Laufe der Zeit verzichtet er noch auf viel mehr, bis hin dazu, dass er sich am Kreuz für uns opfert. Auf diese Besessenheit Gottes uns Menschen gegenüber, diese machtvolle Anhänglichkeit und Liebe seinerseits können wir immer noch setzen, wenn auch nichts sonst mehr uns zu tragen scheint.

Der Regenbogen ist das Zeichen dafür, ein Erinnerungsmal am Himmel.

Ich dachte darum von Anfang an, dass der Endpunkt dieser Zeit – unter Corona-Umständen – ein „Regenbogen“ sein wird.

Die Kerze sollte uns daran erinnern, dass es keine Lebenssituation gibt, in der Gott für uns nicht auffindbar wäre.


Mit diesen Gedanken, liebe Leserin, lieber Leser, verabschiedet sich die Reihe der Bäckerandachten von Ihnen.

Die Andachten in unseren Seniorenheimen können, unter hohen Auflagen, wieder stattfinden, unsere Gottesdienste, ebenso reglementiert aber lebbar, laden uns wieder ein zu Andacht und Gebet. Vieles mehr wird langsam zurückkehren.

Schön, wenn wir uns dann begegnen, immer öfter wieder.

Bis wir uns so wiedersehen, möge Gott seine schützende Hand über Sie halten.

Herzliche Grüße, auch im Namen des Kirchengemeinderates,
Ihr
Ch. Sassenhagen

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Mit dem Pfingstfest endet die Aktion #hoffnungsläuten, die an jedem Mittag Sie alle durch unsere Glocken grüßen wollte und im Netz viele gute Gedanken für Sie bereithielt. Das Läuten für Gemeinsamkeit am Abend um 21:00 Uhr, das es speziell in Friedrichstadt gibt, und während dem in unseren Kirchen für alle, die bedrängt sind in dieser Zeit, gebetet wird, wird es weiter geben. Wir wollen, anders als viele, die schon wieder zur Tagesordnung übergehen,  uns nicht entfernen von Ihnen, die Sie noch immer zu kämpfen haben.

Zur Bäckerandacht 18 vom Donnerstag, 21. Mai 2020 (Himmelfahrt)
Zur Bäckerandacht 17 vom Samstag, 16. Mai 2020
Zur Bäckerandacht 16 vom Donnerstag, 14. Mai 2020
Zur Bäckerandacht 15 vom Samstag, 9. Mai 2020
Zur Bäckerandacht 14 vom Mittwoch, 6. Mai 2020
Zur Bäckerandacht 13 vom Samstag, 2. Mai 2020
Zur Bäckerandacht 12 vom Donnerstag, 30. April 2020
Zur Bäckerandacht 11 vom Samstag, 25. April 2020
Zur Bäckerandacht 10 vom Mittwoch, 22 April 2020
Zur Bäckerandacht 9 vom Samstag, 18. April 2020
Zur Bäckerandacht 8 vom Mittwoch, 15. April 2020
Zur Bäckerandacht 7 vom Mittwoch, 8. April 2020
Zur Bäckerandacht 6 vom Samstag, 4. April 2020
Zur Bäckerandacht 5 vom Mittwoch, 1. April 2020
Zur Bäckerandacht 4 vom Samstag, 29. März 2020
Zur Bäckerandacht 3 vom Mittwoch, 25. März 2020
Zur Bäckerandacht 2 vom Samstag, 22. März 2020
Zur Bäckerandacht 1 vom Donnerstag, 19. März 2020